"Als um 6 Uhr der Wecker klingelte, wollte ich das nicht so richtig glauben, hatte eine ziemlich schlaflose Nacht hinter mir. Mein Mann drehte sich gerade noch mal um und murmelte „Du machst das schon“, aber klar doch!
Es war alles bestens organisiert, die Fahrkarte für den Zug gekauft, die Züge ausgesucht, bloß kein Stress vor dem Start zum ersten Halbmarathon meines Lebens. Christine lief ja leider nicht mit, aber sie wollte mich mental an der Strecke unterstützen – Vielen Dank liebe Christine an dieser Stelle nochmals dafür!!!
Um 7.48 Uhr klingelt mein Handy und Christine fragt „wo bist Du denn?“ meine Antwort kam sofort „im falschen Zug“, SUPER! 15 Minuten Verzögerung im Zeitplan, aber Christine hatte meine Startnummer schon geholt, so dass ich ganz entspannt zum Halbmarathon Start traben konnte.
Was für eine Stimmung! Zuschauer mit Hupen und Tröten, eine Band, die Musik machte und ca. 2.000 Läufer, die auf den Startschuss warteten, man konnte die Spannung förmlich spüren. Um 9.30 Uhr fiel dann der Startschuss und für mich startete mein Halbmarathon Debüt! Bei ca. 20°C und leicht bedecktem Himmel liefen wir los.
KM 5 abe ich in etwas über 28 Minuten passiert, na das läuft ja prima bei meiner Halbmarathon Premiere! Herrliche Landschaft durch das Tösstal auf Naturwegen rund um Winterthur. Bei KM 8 habe ich gemerkt, dass ich eine Blase an der rechten Innenkante bekomme, na ja macht nichts, man kann ja einen Halbmarathon auch auf dem Außenfuß laufen. Was macht eigentlich meine Zeit? Gut alles prima, weiterlaufen. Neben mir stürzt ein Läufer, der auf einer Wurzel ausgerutscht ist, er steht auf, muss aber leider nach ein paar hundert Metern aufgeben, zum Glück stehen da gerade Sanitäter rum.
KM 10 passiere ich in 1:05 h – kann das sein? Wenn das so weiter geht schaffe ich bei meinem ersten Halbmarathon eine für mich unglaubliche Zeit. ABER, der Mann mit dem Hammer kommt bei KM 12, da merke ich das erste Mal, dass die Beine ganz schön schwer sind… mittlerweile ist die letzte Wolke weg, wir haben inzwischen 26°C, alles andere als optimal für ein Halbmarathon Rennen, und gerade die sonnigen Abschnitte der Strecke werden zur Qual, man läuft wie gegen eine Wand.
KM 11 – 17 geht immer leicht bergan und zum Schluss kommt ein knackiger Anstieg, das bricht mir letztendlich das Genick und bei KM 14 muss ich das erste Mal eine Gehpause einlegen, was noch insgesamt 5 Mal der Fall sein wird. So hangele ich mich von einer Verpflegungsstation zur anderen (alle 4 km – super organisiert) und esse brav die Powerriegel und Bananen und trinke natürlich ausreichend Flüssigkeit, um mein Halbmarathon Ziel doch noch zu erreichen.
Bei KM 18 erwartet mich Christine und schickt mich auf die letzten 3 km meines Halbmarathon Abenteuers, ich bin platt, die Beine wollen nicht mehr. Rechts und links der Strecke liegen reihenweise Läufer im Gras und sind am Ende. Na ja, Hauptsache durch und gut. Zeit egal. Mittlerweile schwindet auch die von mir insgeheim erhoffte 2:30 h für meine Halbmarathon Premiere … SCHADE!
Die letzten 3 km sind die Qual, Asphalt und pralle Sonne, mittlerweile haben wir gefühlte 45°C tatsächlich werden es so um die 29°C sein. Mein Zielleinlauf ist trotzdem schön, die Leute jubeln und da es der Zieleinlauf für Halbmarathon und Marathon ist, sind natürlich auch noch viele Leute und Musik da – man muss sich mal überlegen, dass die Marathon-Läufer die gleich Strecke 2 x gelaufen sind – WAHNSINN.
Es ist eine unglaubliche Erfahrung, wie viel Kraft man auf diesen letzten Metern auch bei einem Halbmarathon noch mobilisieren kann. Was bedeutet, dass es letztendlich eine Kopfsache ist. Wen Du mir mal bei Gelegenheit sagen kannst, wie man den Hammermann „wegdenken“ kann, wäre ich Dir dankbar.
Es macht PIEP und meine Zeit ist offiziell gemessen, ich bin aber noch so verwirrt, dass ich vergesse, meine Uhr zu stoppen – ist wohl irgendetwas um die 2:34 h geworden (Anmerkung der Trainerin: 2:35.02 h - bei diesem Wetter eine tolle Leistung!).
Und wo ist es nun dieses Glücksgefühl nach dem Zieleinlauf beim Halbmarathon?
In dem Moment kann ich nicht sagen, dass ich besonders glücklich oder froh oder stolz war. Das ganze Blut ist ja auch in den Beinen und man mag gar nicht denken müssen. Aber ein wenig enttäuscht über die fehlende Emotion war ich schon. Die kam dann später auf dem Nachhauseweg im Auto, als mir ein klitzekleines Tränchen über die Wange lief und ich gedacht habe: ein weiterer Meilenstein auf meinem Weg zum New York Marathon.
Im Moment mache ich mir gerade Gedanken, wie ich es schaffen soll, 42 km zu laufen, aber das kannst Du mir sicher sagen, Bianca?! An dieser Stelle auch an Dich ein ganz großes Dankeschön! Und dass die Zeit dann doch nicht so toll wurde liegt nicht an Deinem Lauftraining, sondern an mir, meinem Schweinehund und den widrigen Umständen meines Halbmarathon Debüts.
Du bist eine Supertrainerin und vielleicht muss ich ja irgendwann erkennen, dass ich bei den 5 oder 10 km Distanzen besser aufgehoben bin. Aber wer weiß. Es macht auf jeden Fall Spaß mit Deinem Lauftraining und vielleicht stecke ich mir manchmal auch zu hohe Ziele. Geduld war noch nie meine Stärke, diese Vorbereitung ist allerdings auch ein gutes Training, sich in Geduld zu üben.
Tja, das war mein erster Halbmarathon und langsam, ganz langsam stellt sich so etwas wie Zufriedenheit und Stolz ein!"