
Beim 10. Marathon meiner Karriere standen alle Zeichen auf Sieg. Die Form war da, kein Wunder nach 18 Tagen Höhentraining in Livigno, meine Motivation war riesig, nach meinem 2. Platz im Vorjahr wollte ich diese Platzierung natürlich toppen und die Temperaturen waren mit 15 Grad ganz nach meinem Geschmack. Wer oder was sollte mich also aufhalten mir endlich meinen Kindheitstraum zu erfüllen, und einmal den Marathon in meiner Heimatstadt München zu gewinnen.
Meine Marathon Tempotabelle lag bereits seit Anfang der Woche parat. Ein progressives Renntempo, also in der 2. Hälfte schneller werden, war meine Strategie. Damit war ich auch in meinen letzten beiden Rennen beim Altötting Halbmarathon und Schweiger Forstlauf sehr gut gefahren. Und wie heißt es so schön: Never change a winning team; in meinem Fall System.
Für die ersten 10 km war das Ziel ein Tempo von 4.03-4.05 min/km zu laufen. Auf keinen Fall schneller, denn so ein Marathon ist lang und wer zu schnell startet bezahlt dafür auf den letzten 10 km. Beim Marathon gewinnt nicht immer unbedingt der Schnellste sondern manchmal auch der Cleverste.
Es macht Peng und das Feld stürmt los. Ich tue es den anderen gleich und starte in alter Tradition aus Reihe 1. Nur ruhig Blut und bloß nicht mitreißen lassen. Am Anfang sind alle schnell, aber hinten ist die Ente fett. KM 1 der Blick zur Uhr – herje, 3.53 min., viel zu schnell, dabei habe ich doch wirklich so gebremst. Nach 2-3 km habe ich mein Tempo gefunden und es rollt.
Aber was ist das? Rechts an mir zieht eine Läuferin in orange vorbei. Ich zucke innerlich zusammen. Wie kann das sein, ich bin nicht langsam! Wer ist das nur??? Gedankenblitze schießen durch meinen Kopf – laufe ich ihr nach oder lasse ich sie laufen. Ich entscheide mich für Variante 2. Keine 5 Minuten später zieht eine weitere Läuferin vorbei und dann gleich noch eine. Was ist heute nur los? Ich liege nur noch auf Platz 4. Und die rennen alle wie die Bekloppten. Ist der Start zum 10 km Lauf vielleicht doch gemeinsam mit dem Marathon erfolgt? So hatte ich mir das Rennen auf jeden Fall nicht vorgestellt.
Die eigenen Trainerweisheiten rezitierend bleibe ich ruhig und laufe mein Rennen. Lauft ihr nur, wir sehen uns wieder! Und genau so war es auch. Nummer 1 habe ich nach 5 km wieder eingesammelt – das war wohl nur ein Rohrkrepierer – und Nummer 2 dann im Englischen Garten. Da war er also wieder, mein 2. Platz – eine bekannte Platzierung aus dem Vorjahr. Dieses Jahr soll es aber noch weiter nach vorne gehen.
Dummerweise wächst der Abstand zur Führenden kontinuierlich. Erst eine Minute und bei KM 20 schon ca. 2 Minuten; das schmeckt mir gar nicht. Dennoch…ruhig bleiben und weiter der Vorgabe folgen. Die Halbmarathonmarke passiere ich bei 1:25.45 h – eine Punktlandung.
Nur der Wind macht mir zu schaffen. Leider habe ich keine Gruppe, in der ich mich hinter anderen Läufern verstecken kann. Immerhin begleitet mich ein Läufer aus Österreich, wie ich am Dialekt erkenne, der mir etwas Windschatten spendet. Laut eigener Aussage läuft er heute nur so locker mit. Einen Marathon im 4er-Schnitt laufend als locker zu bezeichnen ist eine Frechheit! Ach muss es schön sein ein Mann zu sein.
Durch den zuschauerleeren Osten, und wenn ich leer sage meine ich leer, von KM 18 bis 26 habe ich keine 100 Zuschauer an der Strecke gesehen, werden meine Beine langsam aber unaufhaltsam schwerer. Lieber Herr Renndirektor Weigl, in Berg am Laim und im Gewerbegebiet in Zamdorf wohnen offenbar keine Marathon Fans. Vielleicht finden sich diese aber in Haidhausen, Nymphenburg oder Sendling? Eine neue Streckenführung würde es zeigen.
Die vielen Unterführungen und Brücken im Osten haben Kraft gekostet, zuviel Kraft. Mein österreichischer Lauffreund äußert sich gar verwundert: „Geh herst, i hab glaubt in München is es flach.“ Ja, so kann man sich täuschen; ich hatte die vielen Anstiege auch bereits wieder verdrängt! Bei mir geht’s nun bergab. Zuerst nur den Gasteig runter und später noch viel weiter. Till, der Tempomacher meines Vertrauens wartet am Deutschen Museum und soll es nun richten. Seine Vorgabe lautet Pace von 4.00 min/km.
Leider laufe ich schon ein paar Kilometer keine 4.0x min./km mehr und werde es auch den Rest des Marathons nicht mehr laufen. Und auch Till kann da leider nichts dran ändern. Till, dir dennoch tausend Dank, wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre in Maxvorstadt.
Das Stimmungshighlight ist natürlich wieder der Marienplatz. Gott sei Dank, läuft man dort gleich zweimal vorbei! Für Sekunden verschwindet die bleierne Schwere aus meinen Beinen und ich fühle wieder Leichtigkeit als der Sprecher ruft: „Hier kommt Bianca Meyer, die zweite Frau.“ Applaus brandet auf und haucht mir neuen Laufwillen ein. Und dann legt der gute Mann noch einen drauf. „Und Bianca Meyer kommt aus München…“ Die Zuschauer jubeln. Vielen Dank liebe Münchner, euer Jubel hat mich wieder 500 m weiter getragen.