
"Noch ein kleines Stück und die Hälfte ist geschafft, aber irgendetwas stimmt nicht. Warum ist es mir plötzlich so schlecht? Weiter laufen und ignorieren. Das kann doch nicht wahr sein, den Beinen geht es prima und jetzt macht der Magen nicht mit? Den 13.1 Meilen Punkt (Halbzeit 21 km) auf der Brücke nach Queens passiere ich noch laufend, dann muss ich erst mal ein paar Schritte gehen. Was soll das? Was mich jetzt nach vorne treibt ist die Gewissheit, dass mein Bruder Michael jetzt irgendwo bei Meile 16 steht. Er hat einen Tirolerhut auf und am Vortag haben wir noch einen Heliumballon in Herzform gekauft, damit müsste ich ihn entdecken.
Die Queensboro Bridge fordert noch mal alles, nicht umsonst ist mitten auf der Brücke eine Medical Care Station aufgebaut. Hier liegen sie schon, die Läufer mit Blasen, Kreislaufproblemen, Knieschmerzen oder sonstigen Gebrechen. Jeder der kurz stehen bleibt und auch nur das kleinste Anzeichen von Schmerzen zeigt wird raus gezogen. Zu Recht natürlich, erst beim Detroit Marathon vor ein paar Woche sind wieder 3 Läufer gestorben. Aber ganz so schlecht geht es mir nicht, Zähne zusammenbeißen und weiter laufen. Nicht auszudenken, wenn die mich hier rausziehen!
Als ich die Brücke in Richtung Manhattan runterkomme bin ich mal wieder überwältigt von den Massen, der Stimmung und Solidarität. Menschen über Menschen, Musik und gute Laune. Und da tanzt er ja, der kleine rote Herzluftballon: ich habe meinen Bruder in den Massen gefunden. Ist das schön, ihn hier zu sehen. Er fragt gleich, was er mir reichen kann, ich möchte einfach nur einen Moment stehen und ausruhen, nichts weiter. Er schickt mich mit zwei Aprikosen auf die Strecke und schiebt mich förmlich wieder zurück in den Läuferpulk.

Die Gegen wird zusehends ärmer, es stehen weniger Menschen am Straßenrand, ein sicheres Zeichen, dass wir jetzt auf dem Weg in die Bronx sind und ja, das ist sie ja schon, die Willis Avenue Bridge, die sich dadurch auszeichnet, dass ihre Metallgitter mit gelbem Teppich abgedeckt sind, alles andere wäre viel zu gefährlich wegen der Rutschgefahr auf dem nassen Stahl. Es fühlt sich eigenartig an, nach knapp 20 Meilen (32 km) gedämpft auf Teppich zu laufen.
Mein Magen hat sich ein wenig beruhigt so dass ich wieder mein Lauftempo aufnehmen kann. Und siehe da, sogar die von Bianca vorgegebenen 6.45 sind jetzt noch zu schaffen. Noch 3 Meilen, als knapp 5km und Michael wartet mit seinem zweiten Motivationsschub auf mich.
Die Bronx streifen wir nur ganz kurz, bevor es über die Madison Avenue Bridge nach Harlem geht. Und wieder diese unglaublichen Menschenmassen, die uns tanzend und singend von Meile zu Meile reichen. Noch ca. 30 Blöcke, dann grenzt die 5th Avenue, auf der ich mich gerade befinde an den Central Park. Es geht bergauf. BERGAUF! Manhattan hat Berge? Zumindest kommen mir diese klitzekleinen Anstieg (das sind nämlich keine 20 Meter) wie ein Mittelgebirge vor, na ja, so einen steilen Berg kann man ja schon mal gehen, außerdem muss ich Michael finden. Nein wo ist er denn. Ich passiere Meile 23 und sehen keinen roten Herzballon. Ich will schon verzweifelt zum Telefon greifen, da sehe ich ihn. Gott sei Dank!
Ich nehme weder Bananen noch sonst etwas, mir ist weder nach Essen noch Trinken zumute. Ein kurzes Stück begleitet Michael mich, bis ich von der 5th Avenue in den Central Park einbiege. Mit den Worte "Hop¨, das sind nur noch 3 Meilen, die schaffst Du und SUPER" schickt er mich auf meine weitere Reise. 3 Meilen, knapp 5 km, ein Witz im Training, hier für viele eine harte Bewährungsprobe. Der Central Park hat es in sich. Auf diesen letzten 3 Meilen, kommt noch Mal richtig Höhenprofil zustande, aber ich sage mir, wo es rauf geht, geht es auch wieder runter und so überhole ich sie wieder, meine Leidensgenossen und rase förmlich dem Ziel entgegen, na ja mir kommt es zumindest so vor

Und ich genieße diese letzten 3 Meilen, ja - ich genieße sie. Die 5 Stunden sind eh nicht mehr zu schaffen und so kann ich auf den letzten Meilen wirklich alles aufsaugen und genießen. Je näher ich dem Ziel komme, desto mehr Menschen säumen die Strecke. Trommeln, Rasseln, Tröten, alles was Lärm macht ist erlaubt. Als ich am südlichen Teil des Central Park auf die 59th Strasse in Richtung Columbus Circle einbiege, wird mir ganz anders.
Rechts und links stehen in Dreier-Reihen die Zuschauer und peitschen einen Meter für Meter ins Ziel. Da macht einem auch die leichte Steigung nichts mehr aus und dann kommt sie, die letzte Kurve, wenn es wieder in den Central Park hineingeht, die letzten Meter bis zur 26 Meilen Markierung, ab hier sind es noch 400 Meter und der Geräuschpegel ist fast unerträglich, die Beine rollen und rollen und da ist sie die Ziellinie und da kullern sie die Tränen und es durchströmt einen das warme Gefühl von Zufriedenheit und Glück, gekrönt von einer strahlenden Helferin, die mir begleitet von den Worten "You did it - Congratulations" meine Medaille umhängt. Ein schweres Metallstück an einem orangefarbenen Band, welches ich stolz trage.
Es ist niemand hier, mit dem ich diesen Moment teilen kann, um mich herum Läufer, die wohl ein ähnliches Gefühl in sich tragen, wie ich gerade in diesem Moment. Wie gern hätte ich Christine jetzt in die Arme genommen und ihr auch gratuliert. Sie ist bestimmt schon frisch geduscht im Hotel. Aber es bleibt nicht großartig Zeit nachzudenken, als nächstes wird ein Foto geschossen mit Medaille, dann gibt es Getränke und etwas zu essen und eine Wärmefolie gegen die Kälte. Die Organisation ist unbestritten das Beste was ich je erlebt habe. Und ich bewundere die ganzen freiwilligen Helfer, die hier Stunden verbringen und um das Wohl der Läufer bemüht sind.

An der nächsten Kurve ist auch schon die Kleiderausgabe der aufgegeben Säcke - alles läuft ruhig ab und ich nehme meine Sack mit den warmen Sachen in Empfang. Aber jetzt will ich nur noch hier aus dem Gewühl raus, wo ist das EXIT-Zeichen?
Erst mal Michael anrufen, wo treffen wir uns überhaupt? Aber auch das ist mal wieder bestens organisiert in der Reunion Area, die nach Startnummern aufgeteilt ist. Erst mal warme Sachen anziehen und dann Michael suchen. Und was sehe ich? Da steht ja auch Christine, was für eine Überraschung, seelig fallen wir uns in die Arme und gratulieren uns zu dieser Leistung. Noch mehrmals werden wir uns sagen, was für eine tolle Zeit das letzte 3/4 Jahr gewesen ist und wie schön es war diesen Lauf doch gemeinsam gemeistert zu haben.
Christine möchte gern ins Hotel zurück laufen, was weitere 15 Minuten zu Fuß bedeutet. Im Nachhinein betrachtet war das die beste Idee aller Zeiten, so konnten sich die Muskeln noch etwas lockern. Das Einzige was mir heute noch Schmerzen bereitet ist mein rechtes Schienbein, ich habe so gut wie keine Muskelkater. Das ist echt toll.
Abends gehen wir noch zusammen essen und feiern bei Pizza, Pasta und alkoholfreien Getränken unseren Erfolg. Überglücklich und todmüden fallen wir dann auch schon bald ins Bett, ich muss am Morgen früh raus, auf mich wartet ein Trip nach Las Vegas. Aber das ist eine andere Geschichte, die hier nichts zu suchen hat."
Eure Karin