Julia rockt den Indian Summer Ultra Trail 2019 in Holland

Julia rockt den Indian Summer Ultra Trail 2019 in Holland
31. Oktober 2019 Regina

Schon oft habe ich mir bei meinen Laufabenteuern die Frage gestellt, was ich mir denn da wieder eingebrockt habe. Aber nie war die Frage wohl so berechtigt wie beim Indian Summer Ultra Trail in den Niederlanden. Das Rennen war lang, hart, teilweise wirklich schmerzhaft ÔÇô aber am Ende wieder eine unvergessliche Geschichte, f├╝r die ich von Herzen dankbar bin.

Ich hatte mich f├╝r die Strecke von 87 km angemeldet und wollte damit gut 30 km weiter laufen als jemals zuvor in meinem Leben. So richtig wusste ich zwar nicht, wie das gehen sollte, aber ich bereitete mich wie immer hoch motiviert mit einem Trainingsplan von Bianca auf das neue Abenteuer vor. Das Training war auch bis fast zuletzt richtig gut gelaufen, bis mich knapp zwei Wochen vor dem Start doch noch ein l├Ąstiger Schnupfen ereilte. Umso unsicherer stand ich daher am 19.10.2019 am Start des Rennens.

Um Punkt 6.00 Uhr setzte sich das mit insgesamt rund 100 L├Ąufern f├╝r die 87 km und die 120 km-Strecke ├╝berschaubare L├Ąuferfeld in einem recht gem├Ąchlichen Tempo in Gang, was mir gut passte. Auch mit der Dunkelheit kam ich gut zurecht, fand sie sogar eigentlich ziemlich toll. Ich merkte aber schnell, dass der Untergrund sehr, sehr abwechslungsreich war und dadurch oft nicht wirklich einfach zu laufen. Es hatte wirklich alles, was Naturboden so bieten kann: fluffige Waldwegelchen, die sich um die B├Ąume schl├Ąngelten; tiefes Laub, bei dem man den Weg ├╝berhaupt nicht erkennen konnte; mit verwehten ├ästen zugesch├╝ttete Wege, oft auch mit umgest├╝rzten B├Ąumen, ├╝ber die wir klettern mussten; naturbelassene Wiesen mit h├╝fthohem Gras; struppige Heidekrautfelder; eine Sandd├╝ne und fast so etwas wie Strand an Seen; Sandpisten durch Wiesen/Felder; Holzstege ├╝ber Moorfelder; frisch gem├Ąhte Wiesen und Felder, die durch den Regen so vermatscht waren, dass es f├╝r die F├╝├če regelm├Ą├čig ein Schlammbad gab. Die Gegend war im Wesentlichen einfach naturbelassen und da verliefen mehr oder weniger gangbare Wege durch. Gro├čartig!

So winkelig, wie der Kurs war, wurde es auch nie langweilig, sondern wechselte sich st├Ąndig ab. Insgesamt sind wir wohl keine 5 km auf Asphalt oder Beton gelaufen. Wir liefen auch regelm├Ą├čig ├╝ber Weiden mit K├╝hen, schottischen Rindern oder Pferden, die uns zwar interessiert beobachteten, sich aber zum Gl├╝ck wenig von den bunten, schnaufenden Menschen st├Âren lie├čen.

So gut ich gef├╝hlt ins Rennen kam, so schnell wurde es dann aber doch irgendwie schwer. Ab Km 15 wurde es schon z├Ąh und nach 20 km, am ersten Verpflegungspunkt (VP) f├╝hlte ich mich so, wie ich eigentlich gehofft hatte, mich erst nach dem ersten Marathon zu f├╝hlen. Im zweiten Abschnitt merkte ich deutlicher, dass es mit dem Essen mal wieder nicht so funktionierte, wie ich wollte. Ich hatte das Gef├╝hl, alles, was ich oben reintat, blieb im Magen h├Ąngen und ging nicht weiter ins System. Ich k├Ąmpfte mich so mit Rechenspielchen im Kopf voran, aber war schon etwas frustriert, auch wenn die Km-Zeiten mit 7.00-7.30′ zwar langsam, aber recht konstant waren.

Vor dem 2. VP (nach 42km) hatte ich einen Moment daran gedacht, was wohl w├Ąre, wenn mein Freund, der eigentlich die 120 km laufen wollte, dort s├Ą├če und ausgestiegen w├Ąre, weil ich meine Erk├Ąltung auch noch an ihn weitergegeben hatte. W├Ąre das eine Verlockung f├╝r mich, auch einfach aufzuh├Âren? Als er dann tats├Ąchlich am 2. VP sa├č und ich ihn zum Gl├╝ck noch kurz sehen konnte, bevor er zur├╝ck zum Start/Ziel fuhr, kam in mir nur das Gef├╝hl auf, dass ich das jetzt umso mehr f├╝r uns beide nach Hause bringen musste. Das hat mir ganz viel Motivation gegeben! Gerettet hat mich au├čerdem die Cola am VP und, dass ich anschlie├čend mein Essen umstellte. Die CliffBlocks, mit denen ich im Training so gut zurecht gekommen war, gingen einfach gar nicht. Zum Gl├╝ck hatte ich genug Gels dabei, die mich gut ├╝ber den Tag brachten. Au├čerdem hatte mein Freund ein anderes Energie-Getr├Ąnk in seiner Flasche, die er mir gab, mit dem ich auch besser zurecht kam. Im Rennen ist anscheinend doch alles wieder anders, als man denkt.

So ging ich also auf die zweite H├Ąlfte, nicht sicher, was kommen w├╝rde, aber irgendwie auch nicht mehr in Zweifel, dass ich das ÔÇô wann oder wie auch immer ÔÇô zu Ende bringen w├╝rde. Auf der dritten Etappe hatte ich immer nur „Mind over Matter“ im Kopf. Der K├Ârper jammerte, aber der Kopf wollte. Und so ging es. Laufend war ich auch gar nicht viel langsamer geworden, aber ich nahm mir f├╝rs Essen und Trinken bewusster Gehpausen, damit sich das im Magen etwas setzen konnte. So kam ich ganz gut klar.

Am 3. VP (Km 62) habe ich Schuhe und Oberteil gewechselt, was sehr gut tat. Zum Gl├╝ck tauschte ich nicht auch die Socken und sah daher den einen vermatschten Zeh noch nicht ÔÇô das h├Ątte mir wahrscheinlich sonst einige Sorgen gemacht. So tat es halt einfach nur weh. Auf der letzten Etappe war ich vorwiegend damit besch├Ąftigt, die perfekt markierte Strecke zu finden, weil ich zum Batteriesparen an meiner Uhr das Tracking abgeschaltet hatte. Das war eine gute Ablenkung f├╝r den Kopf. Dar├╝ber hinaus rechnete ich mir in allen m├Âglichen Varianten sch├Ân, wie weit es noch bis zum letzten VP (Km 82) bzw. bis ins Ziel sein w├╝rde. Ich war au├čerdem beeindruckt festzustellen, dass ich schon lange einen bestimmten Status an Schmerz und Ersch├Âpfung erreicht hatte ÔÇô es aber auch nicht mehr schlimmer wurde. So zog ich weiterhin nicht wirklich viel langsamer vor mich hin, auch wenn ich die eine oder andere Gehpause nun doch ein bisschen mehr genoss. Mehr als ein paar hundert Meter bin ich aber nie gegangen.

Nach dem letzten VP waren es noch gut 7 km bis ins Ziel. Klingt nicht weit und wir wissen ja, einstellig geht immer :-). Aber inzwischen erschien jeder Km einfach nur ewig. Daf├╝r kam jetzt tats├Ąchlich noch ein bisschen die Sonne raus, nachdem es tags├╝ber eher grau, aber zum Gl├╝ck wenig regnerisch gewesen war. So konnte ich zum Beispiel ein letztes St├╝ck durch ein Feld von Heidekraut fast ein bisschen genie├čen ÔÇô wenn das Wegelchen nicht so schmal gewesen w├Ąre, dass keine zwei F├╝├če nebeneinander drauf passten, und ich h├Âllisch aufpassen musste, nicht ├╝ber meine eigenen F├╝├če zu stolpern.

Am Ende war ich ziemlich verunsichert, weil das 85km-Schild (sie hatten alle 5 km markiert) einfach nicht kam. So traute ich dem Braten lange nicht, wann nun wirklich das Ziel kommen w├╝rde. Als ich aber endlich einige hundert Meter vorher Dinge vom Morgen wieder erkannte, konnte ich es endlich gehen lassen und f├╝r mich gef├╝hlt fast ins Ziel sprinten ;-))…. Kurz vorher empfing mich auch noch mein Freund und ich konnte mein Gl├╝ck mal wieder kaum fassen, das wirklich ÔÇô f├╝r uns beide ÔÇô geschafft zu haben :-)!

Die Fakten: nach meiner Uhr bin ich 88,86 km in 12:22.24h gelaufen. Damit bin ich als 25. von 38 Finishern auf den 87km ins Ziel gekommen; als 7. von insgesamt 12 Frauen. Aber das ist f├╝r mich eher Nebensache. Ich bin froh und dankbar, so etwas erlebt haben zu d├╝rfen und erneut erfahren zu haben, was der K├Ârper alles zu leisten im Stande ist, wenn man sich vern├╝nftig vorbereitet und vor allem, wenn der Kopf es will.

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